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9. Mai in Berlin: Von Selfies und Nazis

„Ich will auch so eine Russland-Fahne“, sagt ein kleiner deutscher Junge zu seiner Mutter im Treptower Park in Berlin. Er hat den Sinn des 9. Mai nicht verstanden – wie auch. Die Menschenmassen, die sich an diesem Tag durch Berlin bewegen, sind sich ja selbst nicht einig. Antifaschisten und Rechte demonstrieren an diesem Tag an vielen Plätzen.

Am 8. Mai 1945 trat die Kapitulation in Kraft, welche die Wehrmacht zuvor unterschrieben hatte. In Russland wird der 9. Mai als „Tag des Sieges“ angesehen, weil aufgrund der Zeitverschiebung die Aufgabe der Wehrmacht in Moskau erst am Folgetag galt. Es gibt viel Geschichtliches zu diesem Ereignis zu wissen – das ist aber an anderer Stelle zu lesen.

Diesen 70. Jahrestag möchte ich nutzen, um die Stimmung und die Gruppierungen zu beobachten. Ich schwinge mich auf´s Fahrrad und möchte einen Tag lang an den wichtigen Plätzen sein, spreche mit vielen Menschen. Am Ende des Tages habe ich einen gewichtigen Eindruck des 9. Mai 2015 bekommen – und viele Geschichten. Entstanden ist deshalb eine Reportage, die sich nicht unbedingt auf harte Fakten, dafür auf viele Impressionen stützt.

Treptower Park: Tausende Bürger, Politiker und die Nachtwölfe

Der Treptower Park ist an diesem Tag ein wichtiger Anlaufpunkt. Hier, in Treptow, sind viele sowjetische Soldaten begraben. Um elf Uhr ist der Park am Vormittag bereits voll von Menschen. Viele in Berlin lebende Russen gedenken hier mit Blumen den gefallenen Russen des Zweiten Weltkriegs. Davon machen Viele  Erinnerungsfotos, die Symbolträchtigkeit des Augenblicks scheint ihnen wichtig.

Trauermarsch im Treptower Park
Trauermarsch im Treptower Park

Während des Trauermarschs sind aus der Menge immer wieder vereinzelte Worte zu hören, denen ein gemeinsam gerufenes „Hurra“ folgt. Darunter seien Rufe für Russland, gegen Faschismus und für das Gedenken an die gefallenen Russen, erklärt mir eine Russin, die mitläuft. Überall im Park zücken die Menschen ihre Smartphones, um Fotos oder auch Selfies vor einem Mahnmal zu machen.

Eine russische Frau mittleren Alters schließt sich kurz vor dem Ende des Trauermarschs den Laufenden an. Ihre Tochter müht sich, eilt mit der Handykamera durch die Menschenmassen nebenher. „Nur ein Foto“, ruft die Mutter ihr zu – die Tochter filmt den kurzen Marsch ihrer Mutter allerdings. Offensichtlich wird auch hier, wie wichtig ihnen die Symbolik des Mitlaufens, des Mitgedenkens ist.

Neben dem Treptower Park feiern die Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Jubiläum. Seit zehn Jahren organisieren sie auf einem großen Platz zum 9. Mai ein Fest. In diesem Jahr ist das Fest wegen dem Jubiläum und dem 70. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs besonders groß.

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Jutta Harnisch leitet die Berliner Geschäftsstelle des Vereins

„Für die Verfolgten, die im KZ überlebt haben, hat dieser Tag eine ganz große Bedeutung“, sagt mir Jutta Harnisch. Sie ist stolz darauf, dass ihr Verein in diesem Jahr zum zehnten Mal das Fest organisiert. Auf die Demonstrationen von Rechten an diesem Feiertag angesprochen, sagt sie: „Unsere jungen Mitglieder machen eine Gegendemo.“ Über die App „Berlin gegen Nazis“ seien sie immer über rechte Demos informiert. „Die Rechten beunruhigen mich trotzdem“, gibt Harnisch zu.

„Ein schönes Fest“, findet eine deutsche Besucherin. Auch wegen der Musik, auch wegen des guten Essens, aber vor allem wegen „vieler politischer Gründe“ komme sie gerne zum 9. Mai auf den Festplatz. Junge Antifa-Gruppen organsieren hier das „schöne Miteinander“, das auch Harnisch so gut findet.

Ihr Verein widme sich vor allem drei Punkten: „Dem Kampf gegen den modernen Nazismus und Populismus sowie Gedenk- und Flüchtlingsarbeit.“ Das ist aus ihrer Sicht auch nötig, denn: „Die Rechten werden einen Aufschub bekommen, das ist ganz klar.“ Dafür stünden auch Pegida und die AfD, die bei Landtagswahlen „aus dem Stand heraus über fünf und zehn Prozent“ geholt habe.

Feier der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und des Bundes der Antischfastinnen und Antifaschisten
Dank an die Befreier aus dem Naziregime

„Ich verneige mich vor den Befreiern der Konzentrationslager, Berlins und Europas“, ruft bei dem Fest ein Mann den mehrheitlich anwesenden Russen unter den Besuchern zu – die Frau neben ihm übersetzt ins Russische. In dem Moment ist lautes Motorengetöse zu hören. Die Nachtwölfe?

Motorengeheul´ unter Applaus
Motorengeheul´ unter Applaus

Unter dem Jubel der Menge ziehen sie aus – Richtung Bundestag, Richtung Hauptbahnhof zu einer Kundgebung von Rechten Gruppen. Dort werden sie wegen Polizeisperren aber nicht angekommen. Ob Antifaschisten, Faschisten, Alternative – auf jeder Kundgebung ist der Unmut zu hören, die Polizei solle doch die Menschen zu den Demonstrationen durch lassen.

Auf meinem Weg zu anderen wichtigen Orten, geplanten Kundgebungen vor dem Kanzleramt sowie vor dem Hauptbahnhof, drückt ein ganz in schwarz gekleideter Mensch seinen Unmut aus: „Mann, seid ihr eklig. Ihr kommt alle aus euren Dreckslöchern, das ist aber unser Gebiet hier!“, ruft er den Russen mit ihren Blumen zu. Eine Einstimmung auf das, was mich am Hauptbahnhof erwartet?

Hauptbahnhof: Treffpunkt für Patrioten, Rechte und Nazis

Vor dem Berliner Hauptbahnhof versammeln sich viele Gruppierungen, vereint in der Kritik an der Bundesregierung und der Aufnahme von Flüchtlingen. Rund 350 Demonstranten versammeln sich – angesichts der angekündigten 1000 eine äußerst geringe Anzahl. „Würden die Züge nicht ausfallen, wären Tausende mehr gekommen“, meint Einer genervt.

Das Restaurant direkt neben der Kundgebung gerät aufgrund von Absperrungen zum einzigen Anlaufpunkt für Toilettengänge. „Nazis lassen wir hier nicht rein“, meint die Bedienung vor der Veranstaltung. Als vor ihr ein breit gebauter Mann mit Glatze und einem schwarzen T-Shirt mit dem Aufdruck „Nahkampf. Vollkontakt. Kategorie C.“ steht, lässt sie ihn doch passieren.

Bevor es losgeht, rede ich mit Jürgen Elsässer. Der Chefredakteur des politischen Magazins Compact soll heute vor den Demonstranten reden. Der 58-Jährige ist dieser Tage ein umstrittener Redner, mit seinen Positionen links wie rechts vertreten. Auf die Frage, was der 9. Mai für ihn persönlich bedeute, sagt er aktuellinfo: „Das ist ein Feiertag, an dem die Länder zusammenkommen und auch Deutsche und Russen zusammenkommen, im Sinne eines Europa der Vaterländer und des Friedens.“ Diese Zusammenkunft sei ihm wichtig.

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Jürgen Elsässer ist ein politischer Aktivist

Um 15 Uhr soll es losgehen mit seiner Rede. Um Punkt 15 Uhr fängt es an zu regnen. Die Nationalsozialisten weichen vom Vorplatz des Hauptbahnhofs vor den Eingang, wo ein Dach vor dem Regen schützt. Dort machen sie sich über „die linken Zecken“ lustig, die auf der anderen Seiten der Spree im Regen stehen. Diese versuchen von dort aus die Reden vor dem Hauptbahnhof mit Trillerpfeifen zu stören.

Auf der einen Seite der Spree: Antifaschisten
Auf der einen Seite der Spree: Antifaschisten

Aus der Menge vor der Bühne schreit jemand die Nazis vom Vordach zurück – es geht los. „Mein Name ist Jürgen Elsässer – und meine Zielgruppe ist das Volk“, beginnt der Journalist seine Rede. Applaus der Menge. „Mein Ziel ist eine Volksfront“, sagt er. Darin solle der Querschnitt der Bevölkerung, Menschen verschiedenen Alters und aus allen politischen Richtungen vertreten sein: „Alle vereint für die nationale Souveränität Deutschlands, für unsere Traditionen und den Frieden.“

Das sei „keine Sache von links oder rechts, sondern eine Sache der Vernunft, des Patriotismus in Zeiten der entfesselten Globalisierung.“ Damit holt Elsässer diejenigen Zuhörer ab, die sich selbst als „konservativ“ oder „patriotisch“ bezeichnen. Vielmehr scheint aber der Patriotismus ein Deckmantel für Menschen mit rechtem Gedankengut zu sein.

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Eine Frau schiebt einen Gehwagen vor sich her. Darauf ein handbeschriebenes Schild: „Vielleicht kommt irgendwann mal wieder die Zeit, in der man Patriot sein darf, ohne als Nörgler zu gelten.“ Später steht sie mit ihrem Wägelchen bei den Nazis. Auch für die hat Elsässer Worte parat. „Wir werden nicht zusehen, wie Flinten-Uschi unsere Söhne und Töchter wieder zum Sterben nach Stalingrad schickt. Dieses Mal (…) für die Profite der amerikanischen Gen- und Erdölindustrie.“

Besonders „abscheulich und heuchlerisch“ finde er in diesen Tagen „unseren Bundespräser, Herrn Gauck“. Bevor Elsässer begründen kann, warum, rufen die Leute „Volksverräter, Volksverräter!“ Der Redner hat seine Zuhörer schnell emotionalisiert. Elsässer weiter: „Dieser Gauck, der heuchlerisch von einem sowjetischen Soldatenfriedhof zum anderen pilgert, aber gleichzeitig zum aktuellen Krieg gegen Russland hetzt.“

Nach dem Regen folgt nun die zweite Störung. Linke haben es vor den Bahnhofseingang geschafft. Sie rufen freudig: „Ihr habt´ den Krieg verlor´n, ihr habt den Krieg verlor´n, ihr habt, ihr habt den Krieg verlor´n!“ Sie selbst sehen sich durch den 9. Mai als befreit vom Nationalsozialismus an – die Rechten als Verlierer des Kriegs. Schnell kommen die Nationalisten, nur wenige Meter und viele Polizisten trennen die beiden Gruppen.

Singen lautstark unter dem Bahnhofsvordach
Antifaschisten singen lautstark unter dem Bahnhofsvordach

Aus der Menge der Nationalsozialisten fliegt eine Bierflasche in Richtung der Gegner. Sie rufen: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“, und lassen folgen: „Antifa, Hurensöhne.“ Jürgen Elsässer redet derweil erfolglos gegen die Auseinandersetzung an. Jetzt hat er seine Zuhörer verloren.

"Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen"
„Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“

Eine dritte Demonstration hat weitaus weniger Besucher. Etwa 30 Menschen sitzen vor einer kleinen Bühne, auf der ein Sänger seine Lieder gegen Krieg und Faschismus darbietet. Der Rap-Beat ist locker, geht gut ins Ohr. Die Message: „Es kam nicht von allein´, man ließ es gut gedeih´n!“ Eine Anspielung auf Lobbyisten, die den Krieg – unter anderem monetär – unterstützten.

Demo gegen Faschismus
Demo gegen Faschismus

Am Ende des Tages stelle ich mein Fahrrad ab. Es bleiben mir viele Eindrücke – nebenbei auch ein Video der Berliner Zeitung, das mich beim Fotografieren der Auseinandersetzung zwischen den Linken und Rechten zeigt (vorne an der Absperrung). Das Video stellt die verbalen Streitigkeiten der beiden Gruppen gut dar.

Genau das ist es auch, was ich erlebt habe. Der 9. Mai 2015 in Berlin war ein Tag des Gedenkens – aber auch ein Tag von Links und Rechts, in dem es nicht um die Befreiung Deutschlands, sondern viel um TTIP, Merkel und die NSA ging.

 


Galerie zum Gedenken und den Demonstrationen am 9. Mai in Berlin
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Olympia 2024: Eins zu Null für Hamburg

„Nur“ eins zu null steht es für die Hamburger im Duell mit den Berlinern. Möchte man im Bild bleiben: Das Spiel befindet sich allerdings in der 89. Spielminute, eine Kehrtwende scheint ausgeschlossen. In der Frage, welche Stadt bei der Bewerbung Deutschlands um die Olympischen Sommerspiele 2024 als Austragungsort fungieren soll, scheint alles geklärt.

Das Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hat sich am vergangenen Montag für Hamburg und für 2024 ausgesprochen. Anders, als in vielen Medien berichtet wird, war die Entscheidung nach Informationen der Berliner Tageszeitung denkbar knapp. Demnach entschied sich das Präsidium mit 4:3 Stimmen für Hamburg.

Noch ist nicht alles fix: Bürgerentscheid im Herbst als Stolperfalle

Diesen Samstag stimmen die Mitglieder des DOSB ab, ob aus der Empfehlung des Präsidiums eine Entscheidung wird. Experten gehen davon aus, dass die Mitglieder der Empfehlung des Präsidiums folgen werden. Im Herbst entscheiden dann die Bürger Hamburgs bei einem Entscheid. Für eine Bewerbung bedarf es einer Mehrheit der Stimmen. Das wird kein Selbstläufer: Vor zwei Jahren lehnten die Bürger in München eine Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2022 ab.

Die Konkurrenz der deutschen Bewerbung für die zwei Sportspektakel – mit inbegriffen sind die Paralympischen Spiele – kommt aus Italien und den USA: Rom und Boston werden sich bewerben. Womit Hamburg dann punkten möchte und sich bereits gegen Berlin durchgesetzt hat, ist eine besondere Idee der Olympia-Stadt.

Olympiabewerbung HAmburg 2024 - Detailluftbild               Quelle: Gärtner + Christ

Die Elbinsel Kleiner Grasbrook spielt in den Planungen die Hauptrolle. Auf 775 000 Quadratmetern sollen ein 70 000 Zuschauer fassendes Stadion für Fußballer und Leichtathleten sowie das Olympische Dorf für die Unterkunft der über 10 000 Sportler entstehen. Alle Sportstätten sollen innerhalb von 30 Minuten erreichbar sein. 14 neue Wettkampfstätten, fünf Neubauten: Nach Informationen des NDR werden für die Spiele aktuell 2,2 Milliarden Euro eingeplant. Die Kosten für die laufende Bewerbung werden derzeit auf 50 Millionen Euro beziffert.

Fußball-Europameisterschaft 2024: Zwei sportliche Großereignisse für Deutschland?

Die Entscheidung, ob Deutschland den Zuschlag für die Ausrichtung der Europameisterschaft 2024 steht noch aus. Die Bewerbung gilt jedoch als aussichtsreich und könnte den Hamburgern ganz und gar nicht in die Karten spielen. Zwei solche sportliche Riesenevents im gleichen Jahr werden als unwahrscheinlich eingestuft. Sollte Hamburg mit einer Bewerbung 2024 scheitern, will sich der DOSB für 2028 bewerben.

Deutsche Bewerbungen: Keine Erfolgsgeschichte

Bei den Bildern der jubelnden Hamburger, die sich gegen Berlin durchgesetzt haben, darf man nicht vergessen: Es handelt sich lediglich um die Entscheidung, welche Stadt sich für Deutschland bewerben darf. Erst zwei Mal erhielt Deutschland tatsächlich den Zuschlag: 1936 für Berlin und 1972 für München.

Deutsche Bewerbungen der jüngeren Vergangenheit waren nicht von Erfolg geprägt. Lediglich neun von 89 Stimmen erhielt Berlin bei der Bewerbung für Olympischen Sommerspiele 2000. Leipzigs Bewerbung für 2012 wurde vom Internationen Olympischen Komitee (IOC) unter anderem wegen infrastruktuellen Mängeln abgelehnt.

Doch bis zu einer Entscheidung um die Bewerbung müssen die Hamburger und die Deutschen bis 2017 warten. Bei einer Sitzung des IOC im peruanischen Lima wird dann über die bisher drei Bewerber entscheiden. Möglich, dass sich dann die Idee um die Insel Kleiner Grasbrook als Olympia-Zentrum als Trumpf erweist.

 

Weiterführende Quellen:

Wo soll was entstehen?

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Quelle: Architekten von Gerkan, Marg und Partner (gmp)

Nolympia untersucht die Rahmenbedingungen um die potentiellen Olympischen Sommerspiele 2024 in Deutschland kritisch und stellt 13 Fragen:

http://nolympia-hamburg.de/13-fragen/

Für den Tagesspiegel nennt Friedhard Teuffel einige hintergründige Geschichten um die Bewerbungen der beiden deutschen Städte:

http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/olympische-spiele-2024-berlin-hat-bilder-aber-hamburg-eine-idee/11514046.html

Auf der Webseite der Stadt Hamburg gibt es eine detaillierte Chronik, was wann bis zur Vergabe der Spiele 2017 passiert:

http://www.hamburg.de/spiele-fuer-hamburg/hintergrundinformationen/4420798/fahrplan-olympia/