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Bosbach: „Die Entscheidung fällt in Athen“

Portrait Bosbach (Medium)

Wolfgang Bosbach (CDU) ist seit 2009 Vorsitzender im Innenausschuss des Deutschen Bundestags. Zuvor war der 62-Jährige stellvertretender Vorsitzender der Union. Der Rheinländer lehnte die Ausweitung des Euro-Rettungsschirms 2011 im Bundestag ab. Daraufhin wurde er von seinem damaligen Parteikollegen Ronald Pofalla angegangen. „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“, soll ihm dieser laut Spiegel gesagt haben.

Für aktuellinfo.com spricht Bosbach darüber und über die derzeitigen Probleme der neuen griechischen Regierung.

Herr Bosbach, warum gelingt Griechenland nicht die Wende? Handelt es sich eher um eine falsche Hilfspolitik seitens der EU oder um mangelnde Bereitschaft der Griechen?

Wolfgang Bosbach: „Griechenland fehlt es ganz sicher nicht am politischen Willen,  die Wende zum Besseren zu schaffen. Griechenland fehlt es zum einen an einer hinreichenden leistungs- und wettbewerbsfähigen Volkswirtschaft und zum anderen an einer wirklich effizienten Verwaltung des Staates – und das gilt nicht nur für die Steuerverwaltung.
Ein Beispiel: Wenn Griechenland Jahr für Jahr Millionenbeträge, die seitens der EU für den Ausbau der Infrastruktur oder die Entwicklung der ländlichen Räume – umgangssprachlich formuliert – liegen lässt, weil es an förderwürdigen Projekten fehlt, dann hat das nichts mit einer falschen Hilfspolitik seitens der EU zu tun, sondern mit einer dringend optimierungsbedürftigen Effizienz staatlicher Institutionen.“

Wie sähe Ihre Lösung für die Schuldenkrise Griechenlands aus?

Bosbach: „Eine Krise, die durch Überschuldung entstanden ist, kann man nicht dadurch lösen, dass man dem Schuldner immer neue, beziehungsweise höhere Kredite gewährt, mit der Folge, dass sich der Schuldenstand und damit die Schuldenlast weiter erhöht. Im Übrigen: Die Entscheidung, ob Griechenland auf Dauer in der Eurozone bleiben möchte oder bleiben kann, fällt weder in Brüssel noch in Berlin, noch in den anderen Hauptstädten der Eurozone. Diese Entscheidung fällt ganz alleine in Athen.“

Sie sind bekennender Nein-Abstimmer für Griechenland-Hilfen. Wie sehr hat Sie der raue Ton und Gegenwind in der eigenen Partei schockiert?

Bosbach: „Die Behauptung in Ihrer Frage ist nicht ganz richtig. Dem ersten Hilfspaket für Griechenland habe ich – im Gegensatz zu einigen anderen Kolleginnen und Kollegen – zugestimmt. Dies in der Annahme, dass folgender Plan aufgehen würde: Die Eurozone hilft Griechenland bei der Überwindung seiner finanziellen Schwierigkeiten, gleichzeitig reformieren sich die griechische Wirtschaft und der griechische Staat so durchgreifend, dass das verloren gegangene Vertrauen der Finanzmärkte wieder zurückgewonnen werden kann.
Dieser Plan ist nicht nur nicht aufgegangen, die Probleme in Griechenland sind noch größer geworden. Daher konnte ich dem zweiten Hilfspaket und dessen Verlängerung nicht mehr zustimmen. Wenn man über 40 Jahre politisch arbeitet und gut 20 Jahre dem Deutschen Bundestag angehört, dann kann einen nichts mehr schockieren. Auch nicht raue Töne und Gegenwind aus der eigenen Partei.“

Während hier über mögliche Lösungen debattiert wird, sind von Alexis Tsipras weitere teure Versprechen für sein Land zu hören. Wie viel hält die EU  in dieser Streit-Frage noch aus?

Bosbach: „Wir haben schon viel ausgehalten und ich gehe davon aus, dass wir auch in Zukunft noch viel aushalten müssen. Die politische Strategie der neuen griechischen Regierung beobachte ich wirklich mit großem Interesse. Bis zur Stunde ist mir allerdings noch nicht einmal andeutungsweise klar geworden, wieso die Regierung ernsthaft glauben kann, dass dieser Kurs am Ende den erhofften Erfolg haben wird.
Wenn das Trio Tsipras/Varoufakis/Kammenos der griechischen Bevölkerung neue, teure Versprechen macht, dann habe ich das als deutscher Politiker weder zu kommentieren noch zu kritisieren, das müssen die Herren selbst verantworten. Allerdings kann die neue griechische Regierung nicht ernsthaft erwarten, dass ihre Wahlversprechen von den Steuerzahlern aus anderen Ländern finanziert werden.“

Kann es Griechenland unter dieser Regierung schaffen?

Bosbach: „Die Frage, ob Griechenland es unter dieser Regierung „schaffen“ kann, ist eine gute Frage – die ich nicht abschließend beurteilen kann. Wenn die Regierung den bis jetzt eingeschlagenen Kurs konsequent fortsetzt, dann dürfte sich meine Skepsis weiter vergrößern.“

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Foto: Manfred Esser

Mittelfinger für Deutschland?

Dass die Sendung Konfliktpotential bieten würde, war Günther Jauch wohl bereits im Vorfeld klar: Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis war am vergangenen Sonntagabend live zugeschaltet. Darüber hinaus aber sorgte der Moderator durch einen Einspieler für einen neuen Skandal. Darin zu sehen ist Varoufakis, wie er den Mittelfinger zeigt.

Brisantes Mittelfinger-Video: Lügt der griechische Finanzminister?

Bei diesem Vortrag vor zwei Jahren referiert er: „Griechenland sollte einfach verkünden, dass es nicht mehr zahlen kann (…) und Deutschland den Finger zeigen und sagen: Jetzt könnt ihr das Problem alleine lösen.“ Das Video ist bereits länger auf Youtube zu sehen. Varoufakis ist auch Wirtschaftsprofessor und war bei einer Rede auf einer Konferenz in Zagreb.

Potential für einen Skandal bietet der Clip vor allem deshalb, weil der heutige Finanzminister Griechenlands dessen Echtheit direkt bestritt: „Das ist so montiert worden. Ich habe so etwas nie gemacht!“ Bereits während der Sendung zweifelt Studiogast Ernst Elitz, langjähriger Journalist für Radio und Printmedien, das Dementi von Varoufakis an. Auch die Veranstalter beim damaligen Vortrag betonen nun die Echtheit des Videos.

„Ich glaube, Varoufakis hat sehr viel Kreide gefressen“

Wie ist Europa mit der Krise umgegangen? Diese Frage stellt und beantwortet sich Varoufakis zu Beginn der Sendung selbst: „So schlecht, wie man es nur konnte.“ Man habe die größte Anleihe in der Geschichte der Menschheit den insolventen Griechen anvertraut – anstatt einen finanziellen Konsolidierungsplan aufzustellen.

Diese Aussagen bringen Elitz aus der Fassung. Der 73-Jährige greift Varoufakis an: „Ich glaube, dass der Finanzminister in Athen heute mehrere Gläser Weichspüler geschluckt hat oder sehr viel Kreide gefressen hat.“ Das Geld aus den Rettungspaketen sei in schwarze Löcher geflossen, zudem habe die griechische Regierung keine Reformen umgesetzt.

Der Konflikt gleich zu Beginn der Sendung steht sinnbildlich für den Dialog Griechenlands und den Geldgebern. Der Ton wird rauer. Deshalb steht der um Verständnis werbende Varoufakis bei Jauch in totalem Kontrast zu dem Varoufakis aus den Vorwochen. Da brachte er die Streitigkeiten mit gewagten Aussagen ins Rollen.

Varoufakis: „Es ist eine Ehre, Herrn Schäuble zu treffen.“

Während der Jauch-Sendung bestritt Varoufakis ebenso, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble jemals beleidigt zu haben: „Nennen Sie mir eine Gelegenheit, in der ich etwas Anderes gesagt habe, als Komplimente zu Herrn Doktor Schäuble.“ Es sei für ihn gar eine Ehre gewesen, Schäuble zu treffen.

Auch dieser Widerspruch lässt die Zuschauer der Jauch-Sendung im Unklaren: Handelt es sich bei Varoufakis um einen ehrenhaften und intellektuellen griechischen Politiker, der um die Rettung seines Landes kämpft? Oder hat er tatsächlich „Kreide gefressen“ und ist ein Wolf im Schafspelz? Sein beschwichtigender Auftritt bei Günther Jauch zeichnet jedenfalls letzteres Bild.

 Im Interview mit aktuellinfo.com sieht Wolfgang Bosbach die Griechen um Finanzminister Varoufakis am Zug, die Krise mithilfe der Geldgeber zu bewältigen. 


 

AKTUALISIERUNG:

Der Moderator von Neo Magazin Royale, Jan Böhmermann, erklärte in seiner Show: „Das Video ist gefälscht. Von mir.“ Daraufhin sind Manipulationen eines Computer-Fachmanns zu sehen, der Varoufakis in der Sequenz mal mit seinem Zeigefinger, mal mit seiner Handfläche vortragen lässt. Zunächst fassten die Medien die News wie eine heiße Kartoffel an – zu schwierig war die Beurteilung, ob Böhmermann die Wahrheit sagt.

Der Programmdirektor des ZDF brachte nun endgültig Licht ins Dunkel und löste gegenüber Spiegel Online auf: „Wir sehen uns gezwungen, das „Neo Magazin Royale“ zukünftig als Satiresendung zu kennzeichnen.“

 

 

Weiterführende Quellen:

Die französische Zeitschrift Paris Match zeigt in Ihrem Online-Auftritt Bilder eines Finanzministers Varoufakis, dem es sichtlich besser ergeht, als einem Großteil der Griechen:

http://www.parismatch.com/Actu/Economie/Le-ministre-star-nous-a-recu-chez-lui-Yanis-Varoufakis-Grece-725754

Ernst Elitz kritisiert in einem Kommentar für die Bild den Umgangston der griechischen Regierung scharf:

http://www.bild.de/news/standards/ernst-elitz/kein-schrecken-ohne-ende-40088502.bild.html

Die komplette Jauch-Sendung in der ARD-Mediathek: „Der Euro-Schreck stellt sich – Varoufakis bei Günther Jauch“

http://www.ardmediathek.de/tv/G%C3%BCnther-Jauch/Der-Euro-Schreck-stellt-sich-Varoufaki/Das-Erste/Video?documentId=27075316&bcastId=8109878

Fall Edathy: Quo vadis, deutsches Recht?

Für viele hasserfüllte Kommentare in den Online-Netzwerken sorgte Sebastian Edathy. „Ich bin wütend“, twitterte Til Schweiger nach Bekanntgabe des Urteils – für 5000 Euro wurde das Verfahren eingestellt. Franz Josef Wagner bezeichnete Edathy in seinem bekannten Bild-Kommentar als „Verbrecher“ und urteilte: „Er muss in ein Krankenhaus, Spezialisten müssen sich darum kümmern.“

Der ehenalige Bundestagsabgeordnete der SPD soll  nach Informationen der Süddeutschen Zeitung zwischen 2005 und 2010 neun Mal Bilder oder Filme angefordert haben, auf dem neun bis 14-Jährige Jungen zu sehen sein sollen. Nicht alles zeige aber sexuelle Handlungen, es gehe auch um FKK-Bilder von Kindern, schreibt die Zeitung.

Edathy: „Moralisch nicht in Ordnung, aber legal“

„Ich weiß, ich habe viele Menschen enttäuscht. Das tut mir aufrichtig leid“, sagte Edathy bei einer Pressekonferenz im Dezember 2014. Schon da berichtete der 45-Jährige, der zuständige Richter habe „intern vor einigen Wochen den Vorschlag gemacht hat, das Verfahren gegen einer überschaubare Geldauflage einzustellen.“ Über das bestellte Material sagte er: „Ich war und bin nach wie vor der Überzeugung, dass das sicherlich moralisch nicht in Ordnung, aber legal war.“

Öffentlich geworden war der Skandal Anfang 2014. Kanadische Ermittler fanden heraus, dass die Firma Azov weltweit kinderpornografisches Material vertreibt. Die Ermittler übergaben im Oktober 2013 dem Bundeskriminalamt (BKA) eine Liste mit etwa 800 deutschen Kunden, darunter auch Edathy.

Einen Monat später wusste Edathy nach eigenen Angaben von Parteikollegen Michael Hartmann bereits von der Liste. Nachdem ein verdecktes Verfahren eingeleitet wird, erklärt er Anfang Februar 2014 aus gesundheitlichen Gründen seinen Verzicht auf das Bundestagsmandat. Kurz darauf durchsucht die Staatsanwaltschaft seine Wohnungen und Büros und findet unter anderem zerstörte Festplatten. Am selben Tag meldet Edathy seinen Dienst-Laptop als gestohlen. Edathy setzte sich ins Ausland ab, nachdem er nach eigenen Angaben bedroht wurde.

Oppermann telefoniert vier Minuten lang mit BKA-Chef – und dieser spricht nicht?

Welche Informationen daraufhin wann und an wen weitergegeben wurden, sorgt bis heute für Zündstoff. Im Zentrum stehen zwei Aktionen: Der damalige Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) informierte seinen Koalitionspartner und SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel über den Fall Edathy. Nach öffentlichem Druck zwang ihn diese Aktion im Februar 2014 zum Rücktritt.

Über Gabriel gelangt die Information zum Parteikollegen Frank-Walter-Steinmeier, der widerrum dem damaligen Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD, Thomas Oppermann, berichtet. Um sich zu vergewissern, ruft Oppermann BKA-Chef Jörg Ziercke an. Offiziell durfte Ziercke, ebenfalls SPD-Mitglied, keine Auskunft geben – und doch wusste Oppermann im Nachhinein Bescheid.

Ein Telefonat, das der Beschreibung Oppermanns nach ziemlich komisch abgelaufen sein muss. Nach dessen Angaben habe er Ziercke lediglich seinen Wissenstand vorgetragen. Nachdem dieser weder kommentiert, noch dementiert habe, habe er das als Zustimmung gewertet. Ziercke sagte im Innenausschuss, er habe sich in dem über vierminütigen Gespräch lediglich mit seinem Namen gemeldet.

Edathy nicht vorbestraft – SPD will ihn aus der Partei ausschließen

Für die Einstellung des Verfahrens zahlt Edathy eine Geldauflage von 5000 Euro an den Jugend- und Kinderfeuerwehrverband Niedersachsen. Der Kinderschutzbund war zuvor als Empfänger angedacht gewesen, hatte das Geld aber abgelehnt. Für das Urteil musste Edathy zudem aussagen, sich im Internet kinderpornografisches Material besorgt zu haben. Damit gilt der 45-Jährige als nicht vorbestraft. Einen Tag später schreibt Edathy über sein Facebook-Profil, dass ein Geständnis von ihm nicht vorliege. Die Staatsanwaltschaft sei mit dem Wortlaut seiner Erklärung einverstanden gewesen.

Die SPD nahm bereits vor einem Jahr ein Parteiausschlussverfahren auf – unterbrach es aber wegen laufender Ermittlungen. Nun drängt die Partei auf seinen Ausschluss: „Wir sind fassungslos darüber, dass Sebastian Edathy keinerlei Reue erkennen lässt und sich mit keinem Wort an die Opfer wendet“, sagte Partei-Vize-Vorsitzender Thorsten Schäfer-Gümpel.

Im Fall Edathy gibt es weiterhin eine zentrale ungeklärte Frage: Wer wusste wann Bescheid? Letztlich wurde die Affäre lediglich Friedrich zum Verhängnis. Andere mögliche Informanten Edathy´s von Seiten der Staatsanwaltschaft oder Politik wurden bisher nicht bekannt oder belangt.

 


AKTUALISIERUNG:

  • Die SPD hat nun einen Antrag zum Parteiausschluss von Edathy gestellt. Dieser lehnt einen Austritt aus der Partei weiterhin ab. Da ein Mitglied nur bei vorsätzlichem Verstoß gegen die Satzung ausgeschlossen werden kann, bleibt die Lösung unklar, wie die taz berichtet.
  • Mit ihrer Titelseite zeigt die Berliner Zeitung mittlerweile klar, wie sie im Fall Edathy denkt.
  • Wie der Spiegel aufdeckte, soll es zwischen Oppermann und Ziercke ein zweites Telefonat gemacht haben. Später seien Belege des zweiten Telefonates aus BKA-Listen entfernt worden.
  • Die taz berichtet: Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz kritisierte in einem Gespräch mit der Welt die Informationspolitik Oppermanns und Zierckes. Demnach seien deren Aussagen „immer latent unschlüssig.“

 

Weiterführende Quellen:

 

Der Kabarettist Volker Pispers geht auf den Fall Edathy ein (Ab Minute 2:17):

Die Pressekonferenz vom Dezember 2014 mit Stellungnahmen Edathy´s:

Ein LKW-Spediteur protestiert gegen das Urteil und bedruckt seine Fahrzeuge:

http://www.huffingtonpost.de/2015/03/10/lkw-protest-gegen-edathy-urteil-sonst-hatten-sie-ihn-ja-richtig-drangekriegt_n_6841134.html

Auf rechtliche Belange untersucht Thomas Fischer das Verfahren für Die Zeit:

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-03/geldbusse-edathy-kinderpornografie-prozess

Financial Fair Play: Was Fußball-Clubs ausgeben dürfen

james-rodriguez-399817_1280 (Medium)James Rodriguez (Bild) wechselte im vergangenen Sommer für 80 Millionen Euro vom AS Monaco zu Real Madrid. Der 23-Jährige Kolumbianer wurde besonders durch starke Leistungen bei der Weltmeisterschaft in Brasilien bekannt.

Transfers in dieser Größenordnung könnten durch das Financial Fair Play zukünftig seltener werden.

 

Das Financial Fair Play hat laut Union of European Football Associations (UEFA) das Ziel, die finanzielle Gesundheit des europäischen Klubfußballs zu verbessern. Viele europäische Top-Clubs plagen Schuldenprobleme. Real Madrid hat nach eigenen Angaben über 600 Millionen Euro Schulden, Manchester United bringt es auf über 500 Millionen Euro.

Regeln gelten nur bei Teilnahme an internationalen Wettbewerben

Alle Vereine, die in der Europa- oder Championsleague spielen, dürfen durch das eingeführte Financial Fairplay nicht mehr ausgeben, als sie einnehmen. Seit der Saison 2013/2014 gelten die Vorschriften. Ab dieser Saison bis 2018 dürfen die Clubs insgesamt 30 Millionen Euro Defizit machen.  Geplant ist, das erlaubte Defizit über die Jahre auf maximal fünf Millionen Euro zu senken.

Ausgenommen vom Ausgaben-Posten sind Investitionen in Stadien, Trainingseinrichtungen oder die Jugendförderung. Die UEFA hat eine Finanzkontrollkammer eingerichtet, die bei Verstößen über Strafen entscheidet. Die Sanktionen reichen von einer Ermahnung über Geldstrafen bis hin zum Ausschluss aus einem Wettbewerb.

Paris Saint-Germain: Club umgeht die Sanktion der UEFA

In einer Grauzone befinden sich Vereine mit großen Geldgebern. Erhöhen diese durch hohe Sponsorengelder die Einnahmenseite, wäre das Financial Fair Play quasi umgangen.  Der FC Paris Saint-Germain nimmt jährlich 200 Millionen Euro durch einen Sponsorenvertrag mit einem katarischen Geldgeber ein. Diese künstliche Erhöhung der Einnahmenseite sanktionierte die UEFA im vergangenen Sommer und limitierte die möglichen Transfer-Ausgaben der Pariser auf 60 Millionen Euro.

Der französische Hauptstadt-Club konterte die Strafe mit einer Idee: Nachdem der Neuzugang David Luiz vom FC Chelsea mit 50 Millionen Euro Ablöse einen Großteil der erlaubten Summe verschlang, lieh Paris Saint-Germain beispielsweise Serge Aurier vom FC Toulouse mit einer Kaufoption aus.

Folglich konnte Aurier bereits für Paris auflaufen – die Kosten für den Kauf verschob der Club auf die nächste Sommer-Transferperiode. Neben Aurier liehen die Pariser sechs weitere Spieler nach diesem Prinzip aus. Im vergangenen Sommer wurden Paris Saint-Germain und Manchester City wegen Verstößen außerdem mit jeweils 60 Millionen Euro Strafe belegt.

Arsene Wenger: „Clevere Leute umgehen die Strafen“

Ob solche Strafen Wirkung zeigen, bezweifelt Arsene Wenger, Teammanager des FC Arsenal: „Es gibt clevere Leute, die dir helfen, das zu umgehen. Und das tun sie sehr gut.“ Auch die Süddeutsche Zeitung befindet, es gehöre zu den „Grundübungen vieler Berater und Klubmanager“, Gehälter von Topspielern umzuleiten.

Die betroffenen Clubs sehen sich im Nachteil. Während die traditionsreichen Spitzenvereine sich bereits ein Standing erarbeitet haben, möchte Paris Saint-Germain oder Manchester City durch Geldgeber kräftig investieren. „Das Financial Fairplay ist unfair. Es beschützt die großen Klubs und sorgt dafür, dass kleinen Vereine klein bleiben“, kritisiert PSG-Präsident Al-Khelaifi.

Vor Großeinkauf müssen die Clubs erst Geld reinholen

Dadurch, dass infrastrukturelle Investitionen nicht zu den Ausgaben gezählt werden, beschränkt sich das Rechnen von Plus und Minus überwiegend auf die Transfers. Mittlerweile müssen Top-Clubs vor einem neuen Mega-Transfer also zunächst einen Star verkaufen. Zuletzt sah sich der FC Chelsea gezwungen, Andre Schürrle für 30 Millionen Euro an den VFL Wolfsburg zu transferieren. Erst durch diese Einnahmen konnte Juan Cuadrado vom AC Florenz für 33 Millionen Euro geholt werden.

Im Visier der UEFA sind derzeit namenhafte Vereine: Unter anderem der FC Liverpool, Inter Mailand und auch der VFL Wolfsburg müssen Informationen einreichen, die ihre Wirtschaftlichkeit nachweisen.

 

 

 

Weiterführende Quellen:

Kritisch beäugt die SZ die Umsetzung des Financial Fair Play:

http://www.sueddeutsche.de/sport/financial-fairplay-millionenstrafe-fuer-manchester-city-und-paris-1.1951928

Reaktionen der Topclubs auf das Financial Fair Play zeigt Sport1 auf:

http://www.sport1.de/fussball/2014/09/artikel_954076

Mit 19 Fragen und Antworten möchte die UEFA über das Thema aufklären:

http://de.uefa.com/community/news/newsid=2065553.html

 

 

Ex-Verfassungsrichter: TTIP „rechtlich nicht hinnehmbar“

   DSC_2028 (Medium)

Siegfried Broß war Richter am Bundesgerichtshof und bis 2010 Richter am Bundesverfassungsgericht. Mit seinen Klauseln verstoße TTIP gegen die deutsche Verfassung sowie EU-Recht, kritisiert der Jurist im Interview mit aktuellinfo.com.

 

 

 

Herr Broß, birgt das geplante Freihandelsabkommen mehr Chancen oder Risiken für die EU und Deutschland?

Siegfried Broß: „Das kann man nicht absehen. Die Betrachtung unter diesem Aspekt ist auch schief, denn das geplante Freihandelsabkommen geht darüber hinaus, was man unter Freihandel versteht. Es geht da nicht nur um Chlorhühner oder gleiche Rückspiegel. Es wird erheblichen Einfluss nehmen und das an der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, der EU und der anderen Vertragsstaaten vorbei. Es ist schlicht ein Verstoß gegen das Demokratie- und Rechtsstaatprinzip. Es ist für Deutschland und die EU verfassungsrechtlich nicht hinnehmbar. So kann das Abkommen nicht abgeschlossen werden.“

Was kritisieren Sie konkret?

Broß: „Die Öffentlichkeit wird nicht korrekt informiert. Vor ein paar Wochen noch haben die Chefs der großen Automobilhersteller gesagt, man brauche das Freihandelsabkommen, um Arbeitsplätze zu schaffen. Dabei weiß jeder Laie: Wenn ich eine Produktpalette verschlanke, brauche ich viel weniger Produktionsstraßen und damit weniger Arbeitsplätze. Außerdem ist ein Freihandelsabkommen dieser Struktur immer mit Lohndumping verbunden.“

Sie kritisieren außerdem die nicht-öffentlichen Schiedsgerichte. Gäbe es eine zufriedenstellende Lösung für dieses Problem?

Broß: „Staatsschiedsgerichte sind die Lösung. Ähnliche Gerichte gibt es mit dem Seegerichtshof in Hamburg oder dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag bereits. Vertragliche Vereinbarungen zwischen Staaten sollten nicht ad-hoc und nicht geheim, sondern transparent gemacht werden. Private Schiedsgerichte auf der Völkerrechtsebene, auf der sich ausschließlich Staaten als taugliche Akteure bewegen, liegen jenseits meiner Vorstellungskraft.“

Vertreten die Verhandlungspartner seitens der EU unsere Standards ausreichend oder droht uns eine Überschwemmung amerikanischer Produkte?

Broß: „Wenn ich mit falschen Kategorien herangehe, kann nie etwas bei rauskommen. In Deutschland und der EU haben wir das Sozialstaatsgebot. Diese Elemente werden aber völlig ausgeblendet, es wird rein ökonomisch gedacht – und das auch noch schief, wie mein Beispiel aus der Automobilbranche zeigt. Mit solchen Freihandelsabkommen sollen die Menschen wirtschaftlich gemacht werden. Sie können das einem Rechtsstaat aber nicht einfach drüber stülpen. Man hätte vor den Verhandlungen zunächst ein Ziel definieren, den Rahmen abstecken und dann abklären müssen, ob das mit der Verfassung vereinbar ist.“

Wie schätzen Sie den weiteren Verlauf der Verhandlungen ein? Wird es zu einer für die EU-Bürger und deutschen Bürger zufriedenstellenden Lösung kommen, die mehr Vorteile, als Nachteile bringt?

Broß: „Wenn die derzeitige öffentliche Diskussion intensiv weiter laufen wird, bin ich davon überzeugt. Das Ganze, was jetzt auf dem Tisch liegt, muss sachgerecht modifiziert werden. Schon mit geringen Änderungen kann man das stimmig machen. Wenn das Abkommen aber scheitert, machen die Amerikaner das mit China. Was ich zu beanstanden habe, betrifft die Menschen nicht nur in der EU, sondern auch in den USA. Eine Fehlvorstellung ist, dass es bei dem Abschluss solcher Abkommen um einseitige Vorteile einzelner Vertragspartner geht. Das kann ich mit den hier zugrunde gelegten Vereinbarungen aber nie erreichen und das widerspricht auch dem Geist solcher Verträge an sich.“

 

Mehr zum Thema TTIP

Deal zwischen EU und USA rückt näher

Dass die USA und die EU über ein Freihandelsabkommen verhandeln, haben viele deutsche Bürger mittlerweile mitbekommen. Wer da aber was genau verhandelt, ist – auch aufgrund der mangelnden Transparenz – nur schwer nachzuvollziehen.

TTIP: Neue Wirtschaftskraft oder Verlust der eigenen Kultur?

Im vergangenen Sommer begannen die Verhandlungen um das Freihandelsabkommen, TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) genannt. Konkret geht es um einen völkerrechtlichen Vertrag zwischen der EU und den Vereinigten Staaten, der die Märkte mitsamt ihren Gesetzen und Vorschriften näher zusammen bringen soll. Der Freihandel soll gestärkt und Investitionen geschützt werden.

Die Befürworter versprechen sich vor allem finanzielle Vorteile, die Kritiker befürchten den Verlust der eigenen Kultur. Hinter den mittlerweile acht Verhandlungsrunden steckt viel Undurchsichtiges. Bereits vor der ersten Verhandlung nahmen Lobbyisten bei Treffen mit den Zuständigen der EU-Kommission Einfluss.

Wie stark profitiert die Wirtschaft wirklich?

Über die wirtschaftliche Vorteile von TTIP lässt sich streiten. Erst jüngst musste der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) zugeben, falsche Angaben über zu erwartende Gewinne gemacht zu haben. So soll das Wirtschaftswachstum der EU nicht jährlich rund 100 Milliarden Euro einbringen, sondern in einem Zeitraum von zehn Jahren erreicht werden.

„Wenn die TTIP-Befürworter bei der Wahrheit bleiben, fallen die zu erwartenden wirtschaftlichen Effekte des Abkommens zusammen wie ein Soufflé im Ofen“, sagte Foodwatch-Chef Thilo Bode im Spiegel dazu. Bode veröffentliche mit seinem Buch „Die Freihandelslüge“ ein Projekt, das TTIP stoppen soll. „TTIP hebelt die Demokratie aus“, kritisiert der 68-Jährige.

Private Schiedsgerichte: Kritiker befürchten geheime Verhandlungen

Damit spricht er unter anderem auf die nicht-öffentlichen Schiedsgerichte an. Geplant ist, dass ausländische Unternehmen in Streitfällen vor diesen privaten Schiedsgerichten klagen können. Eigentlich sollen die Investitionen ausländischer Unternehmen damit vor unfairen Handlungen (bspw. Verstaatlichung von Eigentum) geschützt werden – der Missbrauch dieser Möglichkeit durch viele hohe Schadenersatzklagen wäre eine mögliche negative Folge.

Als großer Kritiker dieser Planung zeigt sich Siegfried Broß. Für den ehemaligen Verfassungsrichter verstoßen solche Regelungen gegen die deutsche Verfassung sowie EU-Recht. Im Interview mit aktuellinfo.com spricht er sich deshalb für öffentliche staatliche Schiedsgerichte aus: „Vertragliche Vereinbarungen zwischen Staaten sollten nicht ad-hoc und nicht geheim, sondern transparent gemacht werden.“

Bislang beharrte Vizekanzler Sigmar Gabriel auf der Position, dass Investitionen nicht geschützt werden müssten. Kürzlich aber kam die Kehrtwende: Gabriel bezeichnete „besondere Schiedsverfahren“ als „sinnvoll“. Auch die Bundeskanzlerin Angela Merkel drückt auf das Gaspedal. Man müsse mit „Haut und Haaren, mit Elan und wirklicher Überzeugung“ verhandeln, sagte sie beim CSU-Parteitag im Dezember vergangenen Jahres.

Chlorhühnchen: Ein Symbol der Kritiker

Dabei versuchte die Kanzlerin, den Kritikern eine große Angst zu nehmen: „Es wird nicht ein einziger europäischer Standard verraten und abgemildert“. Bei diesem Punkt werden in der Debatte gerne die „Chlorhühnchen“ genannt. Während in Amerika Hühnerfleisch zum Teil mit Chlor desinfiziert wird, ist das im EU-Raum nur schwer vorstellbar.

Tatsächlich stecken hinter den Chlorhühnchen Bedenken der Europäer, dass amerikanische Produkte mit geringeren Hygienestandards den hiesigen Markt überschwemmen. Abgesehen davon wird – Stand jetzt – der Import solcher Hühner nicht stattfinden.

Daimler-Chef Zetsche: „Europa braucht TTIP“

Was sich negativ anmutet, hat auch seine Vorteile. Dadurch, dass Zölle und Beschränkungen abgebaut würden, soll der Handel angekurbelt werden. Unternehmen aus den USA könnten ihre Produkte verstärkt im EU-Raum vertreiben und anders herum. Laut einem Bericht der Südwest Presse kosten die Zölle die deutsche Autoindustrie jährlich eine Milliarde Euro. Von deren Wegfall verspricht sich Daimler-Chef Dieter Zetsche deshalb „mehr Export, mehr Beschäftigung und mehr Wohlstand“ und bilanziert: „Europa braucht TTIP.“

Die nächste Verhandlunsrunde zwischen der EU und den USA ist im April. Bis Ende des Jahres wollen die Verhandlungspartner das transatlantische Freihandelsabkommen abschließen.

 

Weiterführende Quellen:

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow belegt fünf Mythen über TTP:

http://blog.marco-buelow.de/2014/12/08/funf-mythen-uber-die-freihandelsabkommen-ttip-und-ceta/

Lobbypedia listet die Ergebnisse und Inhalte der bisherigen Verhandlungsrunden (mit Quellen):

https://www.lobbypedia.de/wiki/Chronik_der_TTIP-Verhandlungen

Für die Frankfurter Allgemeine haben Ralph Bollmann und Lisa Nienhaus einen sehr ausführlichen und lesenswerten Beitrag geschrieben. Die beiden Autoren untersuchen in einer Art Chronik unter anderem die mediale Berichterstattung und Protestbewegungen rund um TTIP:

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ttip-und-freihandel/freihandelsabkommen-eu-usa-chronik-des-anti-ttip-protests-13442387.html

Stellungnahmen der Bundeskanzlerin sowie offizielle Ziele in den TTIP-Verhandlungen sind auf der Webseite der Bundesregierung zu lesen:

http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Infodienst/2014/05/2014-05-20-ttip/2014-05-20-ttip-richtig-verstehen.html

„Lippenbekenntnisse haben nicht weitergeholfen“

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Nadine Schön ist seit 2009 für die CDU Mitglied im Deutschen Bundestag. Die 31-Jährige ist stellvertetende Fraktionsvorsitzende und unter anderem im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend tätig.

Bei einer Rede im Deutschen Bundestag sagte Schön zur Frauenquote: „Der Tag, an dem wir dieses Gesetz wieder abschaffen, wird der beste Tag für Frauen sein.“ Für aktuellinfo.com nimmt Schön Stellung zur Frauenquote.

 

 

Frau Schön, ist die beschlossene Frauenquote ein Durchbruch oder nur ein Anfang?
Nadine Schön: Die feste Quote ist ein Türöffner, um Strukturen aufzubrechen. Den Rest können wir den talentierten Frauen selbst überlassen, denn es ist erwiesen, dass Frauen in Führungspositionen wie Magneten andere talentierte Frauen nach sich ziehen.

 

Braucht es die Quote, weil die Unternehmen nicht von alleine für mehr Gleichberechtigung sorgen?
Schön: Ja, so ist es. Es hat sich gezeigt, dass freiwillige Selbstverpflichtungen – die wir seit 14 Jahren haben –  und Lippenbekenntnisse nicht weitergeholfen haben. Daher war die Verabschiedung des Gesetzes der richtige Weg.

 

Arbeitnehmerinnen bekommen ihre Quote – rechtfertigt das auch bindende Quoten für Andere, wie zum Beispiel Alte oder Behinderte?
Schön: Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung sind Frauen. Wenn sie nicht adäquat in Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst vertreten sind, ist das ein Problem. Eine Quote für ältere Menschen in Führungspositionen halte ich nicht für erforderlich, da gerade für Aufsichtsratspositionen sicherlich gerne Menschen mit Berufserfahrung ausgesucht werden.
Eine Quote für die Beschäftigung behinderter Menschen gibt es bereits. Sobald Unternehmen mehr als 20 Angestellte haben, sind sie gesetzlich dazu verpflichtet, mindestens fünf Prozent ihrer Stellen an behinderte Menschen zu vergeben

 

Was folgt idealerweise nach der 30-Prozent-Quote? Eine Abschaffung, weil sie von Unternehmen freiwillig umgesetzt wird oder eine bindende Erhöhung, etwa auf 50 Prozent?
Schön: Ideal wäre es,  wenn wir eines Tages die volle Gleichstellung der Geschlechter in unserer Gesellschaft erreicht hätten und genau so viele Frauen wie Männer in den Entscheidungsebenen vertreten wären. Dann könnten wir auf die Quote verzichten.

 

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Mehr zur Frauenquote

Frauenquote: Durchbruch oder nur ein Anfang?

Gestern wurde die Frauenquote im Bundestag beschlossen. Da passt der morgige Weltfrauentag gut ins Bild. Doch ist eine Quote wirklich förderlich für mehr Gleichheit?

Für die Abstimmung reichte die Mehrheit der schwarz-roten Bundesregierung. Die Grünen sowie die Linke enthielten sich. 30 Prozent soll der Frauen-Anteil in Aufsichtsräten zukünftig sein – im vergangenen Jahr erreichten die DAX-30-Unternehmen laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung  knapp 25 Prozent.

Strafe bei Nicht-Beachtung: Posten bleiben unbesetzt

Das neue Gesetz betrifft 108 börsennotierte Unternehmen. Diese müssen ab 2016 dafür sorgen, in ihren Aufsichtsräten eine Frauenanteil von 30 Prozent zu haben. Bis diese Quote erreicht ist, dürfen nur Frauen in Aufsichtsräten eingestellt werden. Solange bleiben Posten unbesetzt, sollte es keine Bewerberin auf die Stelle geben. Anderweitige Sanktionen sind nicht vorgesehen.

Etwa 3500 mittelgroße Unternehmen sind am Rande von dem neuen Gesetz betroffen. Diese müssen sich ein eigenes Quotenziel für Frauen in Führungspositionen setzen und dieses veröffentlichen. Daran können sie gemessen werden – Sanktionen für ein Nicht-Erreichen der Quote gibt es für diese Unternehmen ebenfalls nicht.

In ihrem Kommentar für DIE ZEIT kritisiert Frida Thurm: „70 Prozent der Stühle bleiben von Männern besetzt.“ Da sei es armselig, dass die Frauenqote als Erfolg gelte. Den Beschluss begrüßten die Grünen und die Linke in ihren Reden im Bundestag zwar, hätten sich aber höhere Quoten (Die Grünen 40 Prozent, Die Linke 50 Prozent) gewünscht.

Frauen in Führungspositionen: Quote statt Qualität?

„Der Tag, an dem wir dieses Gesetz wieder abschaffen, wird der beste Tag für Frauen sein“, kommentiert Nadine Schön (MdB für die CDU) den Beschluss. Denn an diesem Tag brauche man „keine gesetzlichen Maßnahmen mehr, um Frauen in Führungspositionen zu bekommen“.

Doch genau dafür sei die Frauenqote da, befindet Frida Thurm (DIE ZEIT) in ihrem Kommentar: „Um das Old-Boys-Netzwerk aufzubrechen und dafür zu sorgen, dass Chefs nicht immer nur diejenigen befördern, mit denen sie Bier trinken gehen.“

Den Zwang, den die Quote mit sich bringt, kritisiert auch Jasper von Altenbockum in einem Kommentar für die Frankfurter Allgemeine: „Eine Quote ist aber etwas anderes als ein Recht. Das eine macht zum Objekt, das andere zum Subjekt.“ Doch ohne die Quote funktioniere es nicht, befindet Anna von Münchhausen in der Zeit: „Wie die Vergangenheit bewiesen hat, wird es sonst nie etwas.“ In der Besetzung von Führungspositionen finde „aktive Diskrimierung statt.“

Auf Unternehmen wie Volkswagen, RWE (beide bisher 15 Prozent Frauenanteil in Aufsichtsräten) oder E.ON (17 Prozent) wartet mit dem neuen Gesetz eine große Aufgabe. Andere widerrum haben die Quote bereits in ihren Aufsichtsräten erreicht: Die Deutsche Telekom und die Deutsche Post liegen mit 35 Prozent an der Spitze der zehn umsatzstärksten DAX-Unternehmen.

 

Weiterführende Quellen:

Frida Thurm nennt in ihrem Kommentar für DIE ZEIT männerlastig besetzte Posten in Wirtschaft und Politik:

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-03/frauenquote-bundestag-gesetz

Der Spiegel nennt alternative Gesetzentwürfe anderer Parteien sowie Bedenken rund um die Frauenquote:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/deutscher-bundestag-beschliesst-frauenquote-a-1022093.html

Eine vorläufige Liste der vom Gesetz betroffenen Unternehmen (eine Liste der DPA, von der ARD veröffentlicht):

http://www.tagesschau.de/wirtschaft/frauenquote-151~_origin-a3adf409-fda7-4867-abf1-5d7285e74fbb.html

Jasper von Altenbockum kritisiert in der Frankfurter Allgemeinen die Quote. Diese mache die Frauen zu einem Objekt:

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kommentar-zur-einfuehrung-der-frauenquote-selbst-ist-die-frau-13468414.html

Griechenland-Krise: Zwischen Vertrauen und Kontrolle

Seit 2010 beschäftigt die Griechenland-Krise Europa und den Euro (Chronik siehe unten bei „Weiterführende Quellen„). Rund 320 Milliarden Euro Schulden machen den griechischen Staat europaweit zum verschuldetsten Land. Nach Rettungspaketen, Regierungswechsel und radikalen Äußerungen in der Politik ist das Thema für die Bürger undurchsichtiger denn je. Bei Unwissen beherrschen vielerorts polemische Argumente die Debatten.

Tsipras vor der Wahl: Keine Sparreformen mehr

Der griechische Ministerpräsident Alex Tsipras steht zwischen den Stühlen. Der Vorsitzende der linken Partei Syriza gab vor der Wahl teure Versprechen: Einen teilweisen Schuldenerlass für sein Land, neue Jobs im öffentlichen Sektor und mehr Geld für Rentner mit geringem Einkommen. Nun muss er diese Vorhaben verteidigen, ist aber gleichzeitig in Verhandlungen auf das Wohlwollen der EU und auch Deutschlands als Hauptgeldgeber angewiesen.

Nun signalisierten beide Seiten Entgegenkommen: Die Griechen wollen die Reformen einhalten, dafür wurde das zweite Hilfsprogramm bis Juni verlängert. Kurz vor der Abstimmung um die Finanzhilfen Ende Februar im deutschen Bundestag fasste Finanzminister Wolfgang Schäuble seine Stimmung in Worte: „Es ist eine Entscheidung, die keinem Abgeordneten leicht fällt.“ Dennoch fand sich bei der Abstimmung die bisher größte Mehrheit aller Beschlüsse zur Bewältigung der Euro-Schuldenkrise.

Problem: Kreditzinsen und schwache Wirtschaft

Nach einem Bericht von Stefan Kaiser im Spiegel sind gerade die Hilfskredite der internationalen Geldgeber das Problem. Zu den Schulden kommt die Zinslast: 360 Millionen Euro an Zinsen zahlte Griechenland von 2010 bis 2014 an Deutschland. Diese Zahl nannte das Finanzministerium auf Anfrage der Linken im Bundestag.

So gelte es „mittlerweile als utopisch, dass Griechenland seine Schulden bis zum Jahr 2020 auf 120 Prozent der Wirtschaftsleistung senken“ könne, urteilt Kaiser für den Spiegel. Derzeit betragen die Verbindlichkeiten 175 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.

Lösung: Hilfspaket, Schuldenschnitt oder Sparmaßnahmen

Als mögliche Lösung schwebt weiterhin der Schuldenschnitt, den Tsipras seinen Wählern versprochen hat, im Raum. Nach Widerstand der Geldgeber schlägt der griechische Premier eine andere Form vor: Die Kredite der Griechen sollen in Anleihen für die Geldgeber umgewandelt werden. Je nachdem, wie gut die griechische Wirtschaft läuft, erhalten die Geldgeber demnach dann anteilig Zinsen.

Schäuble besteht hingegen auf die Einhaltung der Sparmaßnahmen: „Herr Tsipras ist im Wort. Wenn Griechenland sich nicht daran hält, wird es keine weiteren Hilfen geben.“ Das gelte auch für ein mögliches drittes Hilfspaket im Sommer: „Ob Griechenland weitere Hilfen braucht, wird man sehen, wenn das zweite Programm beendet ist. Egal was kommt, wir werden sehr strenge Maßstäbe anlegen.“ Weitere Hilfspakete lehnt Tsipras allerdings ab: „Das griechische Volk hat die Programme abgewählt.“

 

Weiterführende Quellen:

Eine Chronik: Die Zeit nennt Aussagen, Beschlüsse und Streitpunkte zur Griechenland-Krise

http://www.zeit.de/wirtschaft/2011-09/chronologie-eurokrise

In einer interaktiven Grafik stellt der Spiegel Szenarien eines Griechenland-Ausstiegs aus dem Euro dar:

http://www.spiegel.de/flash/flash-28752.html

Die Haltung der Griechen und die der Geldgeber fasst der Spiegel zusammen:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-was-regierung-und-geldgeber-wirklich-wollen-a-1021484.html

Die Folgen der Äußerungen von Tsipras sowie die Wahrscheinlichkeit eines Griechenland-Ausstiegs aus dem Euro führt Die Welt auf:

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article138151011/Tsipras-hat-Griechenland-vollkommen-isoliert.html

 

Drohen dem Fußball Doping-Skandale?

Lange Zeit blieb der Fußball vom Thema Doping verschont. Nun ist das Thema durch Dr. Andreas Singler aufgekommen. Der Sportwissenschaftler ist Mitglied der Evaluierungskommission der Freiburger Sportmedizin. Er bezieht sich auf Akten eines Ermittlungsverfahrens gegen den früheren Freiburger Professor Armin Klümper.

Anabolika-Doping: VFB Stuttgart und SC Freiburg betroffen?

Aus den Akten der damaligen Ermittlungen gegen Klümper schließt Dr. Singler: Anabolika-Doping „für den Profi-Fußball in Deutschland sei „sicher zu beweisen.“ Konkret bezieht er sich auf die späten 70er und frühen 80er-Jahre. Da seien der VFB Stuttgart „im größeren Umfang“, aber auch der SC Freiburg „punktuell“ auffällig geworden.

Der frühere Trainer des VFB, Jürgen Sundermann (von 1976 bis 1979 und 1980 bis 1982), bezeichnete die Vorwürfe gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (DPA) als „Schwachsinn des Jahrhunderts“. Zu seiner Zeit beim VFB sei „hunderprozentig nichts passiert“.

Lohnt sich Doping im Fußball überhaupt?

Warum erwischte es den Fußball nun so spät? Das Argument vieler Experten lautet: Ein Fußballspiel sei so komplex, da bringt Doping nichts. Der Vorteil eines gedopten Spielers ginge in den Faktoren wie Taktik, Spielintelligenz oder Zufall unter. Ernsthafte Versuche, mit leistungssteigernden Mitteln zu dopen, sind in der Bundesliga bisher nicht publik geworden. Oftmals handelte es sich bei Verstößen um Medikamente gegen Erkältung oder in einem Fall gar um die Einnahme eines Haarwuchsmittels.

Liegen die wahren Skandale vielleicht noch im Verborgenen? Die Zeit berichtet von Aussagen eines Anti-Doping-Ermittlers nach einer Recherche über Doping im Radsport. Demnach habe auch im Fußball in den neunziger Jahren eine Praxis stattgefunden: „Es wurde ja im Stadion ausgelost, welche Spieler später kontrolliert werden sollten. Die Mannschaftsärzte markierten die Lose mit den Namen der Spieler, die gerade problemlos kontrolliert werden konnten, mit einem Punkt. Das Mitglied der Dopingkommission wusste also, aus welchen Zetteln es wählen konnte.“

Tätern drohen harte Strafen: Mindestens vier Jahre Sperre

Zündstoff birgt dieses Thema in jedem Fall. Laut DFB gab es in der vergangenen Saison 2200 Trainings- und Spielkontrollen – aber keine ernsthaften Auffälligkeiten. Wird ein Spieler erwischt, drohen ihm und seinem Verein Strafen. Das DFB-Sportgericht als Entscheider verhängt Erst-Tätern eine Mindest-Sperre von vier Jahren, Wiederholungstätern eine Sperre auf Dauer.


 

AKTUALISIERUNG:

  • Der umstrittene Arzt Joachim Klümper  soll seinen Kunden Rabatte gewährt haben, berichten die Badischen Neuesten Nachrichten. Als Zeuge gab demnach ein ehemaliger Physiotherapeut des VFB Stuttgart 1984 zu Protokoll, er habe Klümper aufgrund eines „finanziellen Engpasses“ im medizinischen Budget des Vereins angesprochen. Klümper habe 20 bis 25 Prozent Rabatt gewährt und auch anderen Kunden verbilligt Medikamente besorgt.
  • Joachim Löw gab nun im ZDF-Sportstudio zu, als Spieler Klümper aufgesucht zu haben: „Natürlich war ich auch das ein oder andere mal da. Mit 18 oder 19 hätte ich mich natürlich nicht getraut nachzufragen und ihm zu sagen, ich möchte das vielleicht im Labor prüfen lassen, was er mir gibt.“ Dennoch sei sein Vertrauen in Ärzte immernoch groß.
  • Zwischen 1970 und 1980 habe es keine Verbote oder Doping-Kontrollen, schlicht „kein Bewusstsein“ für Doping gegeben. Heute gibt es seiner Einschätzung nach durch die vielen Kontrollen kaum noch Möglichkeiten für Spieler, sich unerkannt zu dopen: „Da hat ein Spieler normalerweise eigentlich keine Chance.“
  • Anders als viele Experten (siehe oben) glaubt der Bundestrainer, dass Doping im Fußball sicher einen Vorteil verschaffen kann: „Wenn man das systematisch betreibt, dann kann man natürlich schneller regenerieren. Man kann den Trainingsumfang und die Trainingsintensität erhöhen.“ Deswegen müss Doping mit allen Mitteln bekämpft werden, urteilt der 55-Jährige.

 

Weiterführende Quellen:

16 Doping-Fälle aus der Fußball-Bundesliga listet Die Welt:
http://www.welt.de/sport/article942791/16-Dopingfaelle-im-deutschen-Fussball.html

In einem Schreiben an den VFB Stuttgart kritisiert die Kommissionsvorsitzende Prof. Dr. Letizia Pauli Dr. Singlers Vorstoß als „Alleingang“:
http://www.vfb.de/de/aktuell/meldungen/news/2015/thema-doping-schriftwechsel-kommission,-vfb-/page/9432-1-3-.html?f3

Das Ermittlungsverfahren gegen Armin Klümper: Bericht über den umstrittenen Arzt
http://www.badische-zeitung.de/freiburg/freiburg-liess-doping-arzt-jahrelang-mietfrei-praktizieren–101366503.html

Der Spiegel beschreibt den Ablauf einer Doping-Kontrolle:
http://www.spiegel.de/sport/fussball/dfb-so-funktionieren-dopingkontrollen-in-der-fussball-bundesliga-a-939011.html