Fifa-Festnahmen: Korruption, Geldwäsche und WM-Vergabe

Die Meldung ging am Mittwochvormittag schnell um die Welt: Fifa-Funktionäre wurden festgenommen. In der Schweiz wurden sieben Männer aus dem Nobelhotel Baur au Lac abgeführt. Dort wollten die 209 Mitgliedsverbände am Freitag in aller Ruhe den neuen Fifa-Präsidenten wählen. Nun aber stehen im Vorfeld der Wahl unter 14 Beschuldigten auch die beiden Stellvertreter von Präsident Sepp Blatter, Eugenio Figueredo und Jeffery Webb, im Verdacht des organisierten Verbrechens und der Korruption.

Polizisten standen um sechs Uhr morgens in den Hotelzimmern

Es handelt sich dabei um Untersuchungen des FBI, die sich außerdem mit der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar beschäftigen. Für die Festnahmen leistete die Schweizer Kantonspolizei Amtshilfe und überraschte die Verdächtigen im Schlaf. „Keiner von uns hatte um sechs Uhr morgens, wo alles anfing, eine Ahnung. Wir sind genauso überrascht, wie Sie“, verkündete der Pressesprecher der Fifa, Walter de Gregorio, den Journalisten am Vormittag in einer Pressekonferenz.

„Das Timing ist natürlich nicht das Beste“, sagte er im Hinblick auf die Wahl am Freitag, und stellte klar: „Die Fifa ist die beschädigte Partei.“ Der Kongress und die Wahl werden „natürlich stattfinden, das ist klar. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“ Auch die Weltmeisterschaften in Russland und Katar werden ausgetragen, betonte de Gregorio. Für die Ermittlungen zu den beiden WM-Vergaben stellte die Schweizer Polizei noch am gleichen Tag Dokumente aus der Fifa-Zentrale in Zürich sicher.

Fifa-Pressesprecher: „Blatter ist sehr entspannt“

Mittlerweile ist ein Strafverfahren eingeleitet worden. Der Verdacht: Ungetreue Geschäftsbesorgung und Geldwäscherei. Insgesamt 100 Millionen Dollar sollen geflossen sein – mittlerweile wurden Konten gesperrt. In die Bestechung sollen Sportmedien- und Sportvermarktungsunternehmen verwickelt sein. Diese haben wohl Geld dafür gezahlt, um an Sponsoringmöglichkeiten und Vermarktungsrechte zu kommen. Die Strafanzeige hatte die Fifa selbst im November vergangenen Jahres gestellt.

Alles in allem beschwichtigte de Gregorio auf der Pressekonferenz, dabei ist die Lage für den Weltfußballverband dramatisch. Insgesamt gibt es 14 Verdächtige, dazu ein Strafverfahren zu den WM-Vergaben. Der Pressesprecher aber berichtete, wie es Blatter zurzeit ergeht: „Er ist sehr entspannt. Er wusste es vorher, dass er nichts damit zu tun hat.“ Damit sprach de Gregorio aus, was viele Kritiker ohnehin vermuten. Blatter geht es nur darum, sich aus den Korruptionsvorwürfen zu retten und wiedergewählt zu werden. „Er tanzt natürlich nicht in seinem Büro. Er schaut, was passiert“, ruderte der Pressesprecher später zurück. Die Wiederwahl des 79-Jährigen Blatters gilt trotz des Skandals als sicher.

Keine Chance auf einen Umbruch: Blatter steht vor fünfter Amtszeit

Dabei taten sich seine drei Herausforderer jüngst zusammen. Der Niederländer Michael van Praag sowie die portugiesische Fußballlegende Luis Figo zogen ihre Kandidatur zurück, um mehr Stimmen für den jordanischen Prinzen Ali bin al-Hussein zu generieren. Dennoch hat der einzig verbliebene Gegenkandidat praktisch keine Chance, da es zwar in Europa einen Widerstand gegen Blatters fünfte Amtszeit gibt, aber jeder der 209 Mitgliedsverbände genau eine Stimme hat. Blatter versteht es, sich seine Stimmen zu sichern – mit Entwicklungsprogrammen förderte er afrikanische Verbände und weiß nun um deren Unterstützung.

Fifa vor dem Untergang?

Die am Mittwoch festgenommenen Fifa-Funktionäre können am Freitag nicht abstimmen, wenn sie nicht anwesend sind, sagte de Gregorio noch ganz pragmatisch. Uneins sind sich Experten, was die Festnahmen für den Weltverband bedeuten. Der Engländer Gary Lineker, ehemaliger englischer Nationalstürmer, twitterte: „Das ist außergewöhnlich! Die Fifa zerbricht. Das Beste, das diesem schönen Spiel möglicherweise passieren kann.“ Ob sie an zwei Skandalen zerbricht, deren Inhalt die meisten Fußballexperten bereits lange ahnten, ist mehr als fraglich.

Die Fifa behält weiterhin die Oberhand, wie de Gregorio andeutete: „Es ist überraschend, dass es heute passiert, nicht dass es passiert.“ Dennoch betonte der Pressesprecher, dass die Fifa frei werden möchte von Korruption: „Wir können reinigen bis zu einem bestimmten Punkt. Aber wir brauchen Unterstützung von Außen.“ Deshalb sei die Offenlegung nicht gut für das Image und den Ruf der Fifa, aber gut für die Transparenz: „Es ist auch ein guter Tag.“


AKTUALISIERUNG

In einer Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag forderte die Uefa nun Fifa-Chef Sepp Blatter zum sofortigen Rücktritt auf. Uefa-Präsident Michel Platini berichtete, er habe seinen langjährigen Freund Sepp in einem persönlichen Gespräch darum gebeten: „Ich sagte hör auf Sepp. Bitte verlasse die Fifa. Ich hatte Tränen in den Augen, es fiel mir nicht leicht.“ Aber es sei einfach zuviel passiert. Auch in einem Treffen aller Verbände habe er Blatter zum Rücktritt aufgefordert. Dies habe der Fifa-Präsident sensibel zur Kenntnis genommen, aber abgelehnt: „Er sagte mir, er kann nicht zum Beginn des Kongresses zurücktreten, es sei zu spät.“

Nun fährt Platini die volle Offensive gegen Blatter. „An alle Verbände, bitte unterstützt Ali bin al-Hussein“, warb Platini für Stimmen für den Gegenkandidaten Blatters. Dennoch seien lediglich 45 der 209 Stimmen realistisch, schätzte er. Es wurde deutlich, wie sehr der Uefa-Chef seinen Freund Blatter als Chef der Fifa ablehnt: „Ich liebe die Fifa, aber ganz ehrlich – ich kenne das seit vielen Jahren, das ist zuviel. Es reicht. Wir haben genug von Sepp Blatter.“ Er selbst bedauere aber nicht, sich nicht als Kandidat zur Wahl des Fifa-Präsidenten aufgestellt zu haben. „Ich hätte mich nicht mit einem Freund um einen Posten gestritten.“

Für den Fall der Wiederwahl Blatters kündigte Platini an, dass die Uefa „alle Möglichkeiten ins Auge“ fassen werde. Dazu gehöre auch der Rückzug der europäischen Mannschaften aus allen Fifa-Wettbewerben.

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